Vom Wasser lernen: hin zu einem kreativen Wir

Zusammenfassung, Auffassung und Ausdeutung eines Vortrages von Dr. Hildegard Kurt, und-Institut, Berlin zum Bibliotheksgespräch am 11.11.2019 in der kosmopolitischen Bibliothek in Eisenstadt von Veronika Stegbauer und Hans Göttel.

„Wasser transportiert sichtbarer als alles andere die Änderungen des Weltklimas. Die neue Dysbalance äußert sich in Dürren, Starkregen, Überschwemmungen, Massivverschneiungen, Gletscherschmelze. Nur das Wasser kommt in sämtlichen Aggregatzuständen vor: fest, flüssig und gasförmig. Seine Eigenschaften lassen sich nicht aus den Eigenschaften der Bestandteile (Wasserstoff und Sauerstoff) erklären, selbst das einzelne Wassermolekül, in dem die Bestandteile bereits verbunden sind, aber eben nur als Einzelfall, hat nicht die Eigenschaft von Wasser.
Erst ein emergentes Geschehen, ein Beziehungsgeschehen, infolge eines Zusammenspiels seiner Elemente und ihrer Ansammlung, bringt Wasser hervor. Bleiben die Bestandteile isoliert, gibt es kein Wasser, immer aber die Möglichkeit, dass dieses durch ein Zusammenspiel plötzlich entsteht. Das Wesen des Wassers liegt, so könnte man daraus folgern, nicht in der Essenz seiner Teile, sondern im Prozess des Zusammenkommens und in der Art des Zusammenspiels.
Es kann nicht ausbleiben, dass die Emergenzwahrnehmung im Reich der Natur auf die Gesellschafts- und Bewusstseinsforschung überschwappt. Das Denken kann als „in Beziehung sein“ verstanden werden, als ein Phänomen, das aus Gemeinschaften hervorgeht. So gesehen begründet das Zusammenleben der Menschen das Denken, das uns folglich gemeinsam ist. Nicht durch ein Grübeln als eine isolierte akrobatische Hirnübung kommen wir zu einer Gemeinschaft, sondern es ist das Zusammenleben, das uns ein gemeinsames Denken beschert. Menschen beziehen ihr Denken aus ihrer Gemeinsamkeit, die es ihnen ermöglicht, vom egoistischen Gesichtspunkt des Individuums zur universellen Perspektive des Ganzen überzugehen. Deshalb neigen, so meinte schon der römische Kaiser Marc Aurel (121-180), der Intellekt und die Vernunft von Natur aus dazu, das Wohl des Ganzen ins Auge zu fassen: logikon (vernunftbegabt) und koinônikon (auf das Gemeinwohl bedacht) sind voneinander untrennbar. Das Führende in der Verfassung des Menschen ist der Gemeinschaftssinn [koinônikon].”
Der Mensch besteht zu 70% aus Wasser. Vielleicht bewirkt das Wasser auch in uns, dass sich unser Zustand verändert, wenn wir mit anderen in Beziehung treten, ja eigentlich erst werden, wenn wir dies tun. Hat nicht immer schon das gemeinsame Trinken als besonders gemeinschaftsstiftend gegolten? Im alten Griechenland sollen gerade die Götter Trinkgelage (Symposien) nicht verschmäht haben. In solchen Gemeinschaften wurden Visionen geboren und Helden erkoren. Sie sind die Quelle unserer Zukunft, ein wahrlich merkwürdiges Potential, eines, das in der Begegnung mit anderen und mit dem Anderen entsteht. Es macht uns zukunftsfähig.
Zukunft erleben wir in zwei Formen: Auf dem Weg in die Zukunft im Sinne des Futurums marschieren wir mit unserem Wissen, unseren Prognosen, unseren mentalen Konditionierungen, in fein gesteuerten und ständig evaluierten Programmen auf etwas zu, das (gemacht) wird. Auf diesem Weg sind wir viele, kleine, unverbundene, in Machtstrukturen verfangene Ichs, zielgerichtet, sinnentleert, seinsvergessen. Unter der Vorherrschaft der ratio, in einer Umwelt von rechnenden Maschinen und maschinellen Berechnungen geraten wir zur Nummer auf einem Rechenblatt oder wir bewegen uns, wie Rainer Maria Rilkes (1875-1926) „Panther“, betäubten Willens in einem Käfig im allerkleinsten Kreise. Wenn wir hingegen aufmerksam präsent sind, wach, wachsam, entautomatisiert, wartend, gemeinsam erwartend, so erleben wir, so Gott will, eine Zukunft, die kommt – Adventus! Nichts wird geplant oder programmiert, sondern es kommt als wesenhaft Neues, wie durch den Kuss einer Muse.
Gut, wenn Futurum und Adventus einander zulassen und ineinanderfließen. Doch scheint das Futurum in modernen Welten über alle Ufer zu treten und Wartende mitzureißen. So sind wir im Normalfall nicht aufmerksam, sondern abgelenkt; nicht präsent, sondern abwesend; nicht wach, sondern betäubt; nicht wachsam, sondern zerstreut; nicht entautomatisiert, sondern aufgezogen; nicht wartend, sondern zappelnd; nicht gemeinsam erwartend, sondern vereinzelt herumirrend, kurz und gut: nicht küssbar. Erst in ruhiger Offenheit für Kommendes, kann sich Vergangenes verwandeln, neue Lebendigkeit eintreffen. Hannah Arendt (1906-1975) spricht von des Menschen Geburtlichkeit und meint: sein Neubeginn ist möglich.
In allseits gesicherter Umgebung, kann uns Neues aber nicht erreichen. Es kommt jenseits gesicherten Geländes auf uns zu. Es setzt Da-Sein voraus, Präsenz im Nichtwissen, eine resonanzfähige Geisteshaltung.
Die Kunst (der Sozialen Plastik) liegt darin, zwischenmenschliche Räume zu schaffen, offen und frei zu halten, wo das entstehen kann, was kein Einzelner schafft. Das Zusammenkommen geschieht rund um ein Anliegen. Nicht die Weltanschauung oder gar Interessen, sondern das Anliegen – nur das Anliegen – verbindet und hebt alle gut auf. Nicht mehr das Ich, sondern ein selbstreflexives, kreatives Wir wird zum höchsten Träger von Bewusstheit. So entsteht ein holonischer Bewusstseinswandel, ein neues Bewusstsein, wo wir als Teil eines Ganzen seiend, gut eingebettet, geborgen und gegenwartsfähig werden.