Ins Unterholz (anti-)politischer Bildung

von em. Prof. Dr. Horst Rumpf

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Vorschau auf ein Buch mit Gedanken des deutschen Aufklärers Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), das 2018 im Verlag Akademie Pannonien unter der Autorenschaft von Horst Rumpf erscheinen wird.

Georg Christoph Lichtenberg war ein Mathematiker, Naturforscher und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik im Zeitalter der Aufklärung. Lichtenberg gilt als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus.

Es gibt so etwas wie das Unterholz von Gedanken: Ideen, Einfälle, Gefühle, Vermutungen, die sozusagen vor allen vorzeigbaren, veröffentlichungsreifen Formulierungen dem Autor durch den Sinn gehen. Diese Frühformen des Denkens fallen gewöhnlich unter den Tisch, wenn das Werk eines Autors definitiv vorliegt. Denn die schließlich vom Autor freigegebenen und quasi als druckfertig ratifizierten Texte erheischen gewöhnlich einige Abrundung und systematische Einordnung, die das Wilde und Unpassende von auch affektiv durchpulsten Augenblickseinfällen domestizieren. Wer schreibt schon auf, was ihm an Schrägem durch den Sinn geht – und was er lieber für sich behält, um keine Unannehmlichkeiten heraufzubeschwören, wenn er für einen gedanklichen und sprachlichen Seitensprung haftbar gemacht wird?

Ludwig Börne (1786-1837) hat etwa ein halbes Jahrhundert nach Lichtenberg den Charakter dieser schrägen, inoffiziellen ja anarchischen Schreibart unter der Überschrift “Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden“ scharf umrissen – damit zweifellos auch den Sinn und Unterton von Lichtenbergs Aphorismen zur Sprache bringend.

“Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe, vom Jüngsten Gericht, von euren Vorgesetzten – und nach Verlauf von drei Tagen werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue unerhörte Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Da ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden….“

(Ludwig Börne
zitiert in dem Börne-Vortrag von Rüdiger Safranski,
NZZ 31. Mai 2017, Seite 25.)

Safranski schreibt dazu: Auch das ist die Beschreibung einer Umwälzung, die Bastille, die dabei erstürmt wird, ist der innere Ordnungstyrann, das Ich oder Über-Ich, jedenfalls eine Instanz, welche das Schöpferische hemmt, Traumzensur ausübt und dem wilden Denken Einhalt gebietet: „Eine schimpfliche Feigheit zu denken hält uns alle zurück. Drückender als die Zensur der Regierungen ist die Zensur, welche die öffentliche Meinung über unsere Geisteswerke ausübt.“ Safranski weist daraufhin, dass Sigmund Freud sich von dem zitierten Börne-Text für sein Konzept der freien Assoziation als psychoanalytische Behandlungsmethode anregen ließ.

Es kann lohnend sein, in diesem inoffiziellen Gedanken-Urwald bei Lichtenberg etwas herumzustöbern und manches von dem festzuhalten, was da an überraschenden Querschlägern zum offiziellen Denken zum Vorschein kommt. Was steht in manchen der kaum bekannten und kaum je zitierten Lichtenberg-Aphorismen, was den schnellen Einordnungsblick abprallen lässt? Was vielleicht das Nachsinnen lohnt – wie es einem Pirschgang gelingen kann, manches im durchwachsenen Waldgehölz zu gewahren, was dem Kartographen, der eine Landschaft systematisch durchmustert, entgeht?

Man denkt an die Wendung von den „unfrisierten Gedanken“ – die Aphorismenbücher Lichtenbergs triefen geradezu von solchen unfrisierten Gedanken, die sich keiner etablierten und systematisch geordneten Form der Darstellung fügen. Die hier locker geordneten Zitate und Kommentare, die sich keiner systematischen Einordnung fügen können, wollen das Unfrisierte nicht frisieren, sondern in seiner Befremdlichkeit oder auch in seiner brillanten Geschliffenheit stark machen. Edelsteinsplitter oder Wildwuchs oder gedanklicher Abfall, der gewöhnlich keine Achtsamkeit auf sich zieht? Etwas von allem……

„Es ist ein Fehler in unsern Erziehungen, dass wir gewisse Wissenschafften so früh anfangen, sie verwachsen so zu sagen in unsern Verstand, und der Weg zum neuen wird gehemmt. Es wäre die Frage, ob sich die Seelenkräffte nicht stärken liessen, ohne sie auf eine Wissenschafft anzuwenden.“

In diesen Sätzen steckt eine beträchtliche Provokation für ein Publikum, das immer wieder gesagt bekommt, man könne nicht früh genug mit der kognitiv-wissenschaftsorientierten Schulung der Kinder beginnen – wenn sie im Leben bestehen und ihre Position im Konkurrenzkampf stabilisieren können sollten. Man kann sich mit Lichtenberg den Gegengedanken erlauben, es könnten durch zu frühe Wissenschaftsbelehrungen Verwachsungen eintreten, die den frühzeitig überbelehrten Kopf festlegen und den Heranwachsenden die Lust vertreiben, Wege zum Neuen zu probieren und sich unbefangen den Erstaunlichkeiten auszusetzen, die jeder Tag bietet. Sie werden früh altklug – in übergroßem Respekt vor den etablierten „Wissenschafften“, die eh schon alles Wissbare gespeichert haben. Es könnte frühreifes Zwergobst (so ein anderer Aphorismus Lichtenbergs über die Folgen forcierter Wissensweitergabe an Heranwachsende) herauskommen, weil keine Zeit zum langsamen Entstehen der Weltaufmerksamkeit gewährt wurde. Muss denn ausgerechnet die Wissenschaft vom frühen Lebensalter an den Geist fernsteuern? Gibt es nicht viele andere Lebenselixiere die Kinderneugier ansprechen und zum Zug kommen lassen?

Skandalöse Fürstlichkeiten und ihre morschen Fürstentümer und Kulturgebäude

„Kein Fürst wird jemals den Werth eines Mannes durch seine Gunst bestimmen, denn es ist ein Schluss, der nicht auf eine einzige Erfahrung etwa gegründet ist, dass ein Regent meistens ein schlechter Mann ist. Der in Frankreich backt Pasteten und betrügt ehrliche Mädgen, der König von Spanien hurt unter Paucken und Trompeten, der letzte König in Pohlen, der Churfürst von Sachsen war, schoß seinem Hofnarren mit dem Blaßrohr nach dem Arsch, der Fürst von Löwenstein beklagt bey einem grossen Brand nichts als seinen Sattel, der Landgraf von Cassel fährt einer Tänzerin zu Gefallen in der SUITE eines Fürsten, der nicht viel mehr ist als er und wird durch die erbärmlichsten Leute betrogen, der Hertzog von Würtenberg ist ein Wahnsinniger, der Fürst von Weilburg badet sich öffentlich in der Lahn; die meisten übrigen Beherrscher dieser Welt sind TAMBOURS, Fouriers, Jäger. Und dieses sind die Obersten unter den Menschen; wie kann es denn in der Welt nur erträglich hergehen; was helfen die Einleitungen ins Commerzienwesen, die arts de s’enrichir par l’agriculture, die Haußväter, wenn ein Narr der Herr von allem ist, der keine Oberen erkennt als seine Dummheit, seine Caprice, seine Huren und seinen Cammerdiener, o wenn doch die Welt einmal erwachte, und wenn auch drei Millionen am Galgen stürben, so würden vielleicht 50 bis 80 Millionen dadurch glücklich; so sprach einst ein Peruquenmacher in Landau auf der Herberge, man hielt ihn aber mit Recht für völlig verrückt, er wurde ergriffen, und von einem Unteroffizier noch ehe er in Verhafft gebracht wurde mit dem Stock todtgeschlagen, der Unteroffizier verlohr den Kopf.“ (S.34, Aphorismus 110..).

Wenn die Fürsten Hurenböcke, Wahnsinnige und prunksüchtige Dummköpfe sind, dann wird durch ihre Gunst kein einziger Mann zu recht geehrt und hochgeschätzt. Dann helfen alle gedruckten Leitfäden über das Commerzienwesen oder über die Kunst durch Agrikultur zu Geld zu kommen, rein gar nichts. Die sozialen Gebilde, in denen Menschen leben, arbeiten und ihr Miteinander organisieren müssen – diese sozialen Gebilde sind durch die Fürsten und ihre oft perversen Gelüste im Kern verderbt. Kein Wunder, dass die Nachdenklichen unentwegt auf Missstände stoßen, die nicht zu dem passen, was das Zeitalter des Fortschritts der Vernunft zu verheissen scheint.

Man muss den Herrschenden doch wohl die Köpfe abhacken, ehe es besser und anders werden kann in der Organisation des Zusammenlebens. Das von Lichtenberg vorgeführte Pandämonium der nichtsnutzigen Fürsten und Könige spart nicht mit skurrilen Details. Sind das Reden von der Art, wie sie Intellektuelle in den Jahrzehnten vor Ausbruch der französischen Revolution im kleinen Kreis oder am Stammtisch ausgetauscht haben, bissig und verzweifelt über ihre faktische Ohnmacht und die Sinnlosigkeit des Schreibens von Büchern über vernünftige Sozialpraktiken?

Erstaunlich mag die globale Undifferenziertheit der Fürstenbeschimpfung anmuten, Lichtenberg verzichtet auf Unterscheidungen und Erklärungen – diese Fürstenwelt ist einfach nur zum Kotzen. Und man kann nichts machen…

Der Kontrast zu den vielen im 18. Jahrhundert verbreiteten Lobhudeleien an die Adresse von Fürsten – in Inschriften, Geburtstagshuldigungen, Bauwerken wie Schlössern und Kirchen – ist frappant. Er ist der Nährboden für schräge Gedanken, für bisssige Aphorismen.

em. Prof. Dr. Horst Rumpf
Professor für Erziehungswissenschaft
an den Universitäten in Innsbruck und Frankfurt/Main
zwischen 1971 und 1996.

 

 

Neuerscheinung
Das neue Buch von Horst Rumpf mit Gedanken des deutschen Aufklärers Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) erscheint 2018 im Verlag Akademie Pannonien.