Grenzw(a)ertige Streitgespräche

Österreichs Ideengeschichte führt entlang grenzwertigen Denkens. Mal begegnet man dem Motiv der Ostmark als dem Bollwerk gegen asiatische Landnahmen, dann wieder der Vision des integrierenden Reiches. Anlässlich des Beitritts zur Europäischen Union wurde die völkerverbindende Kompetenz besonders bemüht, von der Brückenfunktion zwischen Ost und West und von der interkulturelle Versiertheit Österreichs im Umgang mit den östlichen und südöstlichen Nachbarn wurde viel geredet, als ob mit Österreich Europa zur Vollendung gebracht werden könne.
Gerede ist eine Sache, Praxis eine andere. Gerade das Burgenland, dem sofort nach dem Beitritt zur EG großzügige Förderungen zukamen, tat sich besonders darin hervor, das Heranführen und den Beitritt der Nachbarländer zu behindern und zu verschleppen.

Wann immer Österreich als Idee der Verbindung von Ost und West untergeht, kommt die Zeit der Ostmark wieder; und es sind ausgerechnet Figuren aus dem durch Europa üppig alimentierten Burgenland, die offensichtlich ostmärkisch aufmarschieren.

Das Burgenland ist ein kleiner Landstrich am Rande der Puszta, wo gerade mal 280.000 verzagte Seelen vom teuersten politischen Apparat Europas niedergehalten werden. Von den Verschönerungsvereinen bis zu den Schlachtenbummlern der Landespolitik nennt sich alles Zivilgesellschaft und hat doch weder mit Bürgertum noch mit einer Kultur der Antipolitik zu tun.

Die Europäische Union hält es für besonders förderwürdig, was der feudalen Politikerkaste gut bekommt. Mitten in der Euregio West-Pannonien, wo das Zusammenleben in europäischer Gesinnung gepflegt werden sollte, fahren jetzt Elektroautos auf, um Jogger, Spaziergänger und Schwammerlsucher mit einem geopolitischen Raster ins Visier zu nehmen.

Wenn sich heute Mitteleuropa wieder formiert, so geschieht es im Geiste der Ostmark zum Abwehrkampf gegen Flüchtlinge. Was europäische, ökologische oder friedenspolitische Intentionen nicht vermochten, die Angst vor Fremden bringt die Nationen Mitteleuropas wieder zusammen. Die Visegrád-Gruppe erwacht wieder. 1991 von Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beschlossen, wollte sie nach dem Ende von Ostblock und Kaltem Krieg die gemeinsamen Probleme kooperativ zu lösen. 25 Jahre geschah so gut wie nichts, nun hat man sich gefunden, um sich gemeinsam vor den Fremden zu schützen. Die Pentagonale war eine lose Kooperation von fünf Staaten, die im November 1989 von Italien, Österreich, Jugoslawien, Ungarn und der Tschechoslowakei gegründet wurde. Später kam Polen dazu, womit die Hexagonale entstand. Nach einer eher fruchtlosen Periode entstand aus dieser 1992/93 die Zentraleuropäische Initiative (ZEI), der weitere Staaten Mittel- und Osteuropas beitreten sollten. Doch alles blieb fruchtlos. Und wer erinnert sich noch an „Centrope“ – eine Europaregion, die sich 2003 aus Regionen und Städten bildete, um gemeinsam am Aufbau der Europaregion im Vierländereck Österreich, Ungarn, Tschechien und Slowakei zu arbeiten? Und welchen Beitrag leistet die 2011 durch den Europäischen Rat angenommene EU-Strategie für den Donauraum (EUSDR), zum Beispiel in der Flüchtlingskrise? Und zur „Europaregion Adria–Alpe–Pannonia“ heißt es in Wikipedia: Hier kannst du einen neuen Wikipedia-Artikel verfassen.

Nach 25 Jahren fruchtlosem Getue werden nun Nägel mit Köpfen gemacht. Dafür sorgen die österreichischen Abwehrkämpfer. Ihr manifester Beitrag zu Europa besteht heute weniger in interkultureller Kompetenz als in der Lieferung von Grenzzäunen und Stacheldraht.

Die Zeit kommt, wo wieder eine Strategie gebraucht wird, die auf tragfähigen historischen Mustern ruhen will. Nachdem die üppigen EU-Förderungen für das Burgenland keine europäische Orientierung gebracht haben, dafür aber einen orientalisch anmutenden Parteienfeudalismus alimentieren, könnte die Leitha wieder als das wahrgenommen werden, was sie über Jahrhunderte war: ein Grenzfluss – zwischen Ost und West.

Im Jahr 2018 wird die Akademie Pannonien grenzw(a)ertige Streitgespräche organisieren, die das Thema „Grenze“ und die Frage, welche wir errichten bzw. abbauen müssen, zur öffentlichen Debatte stellen. Grenzen gibt es genug – und sie sind ein entscheidendes Gelände, wie der Theologe Paul Tillich formulierte:
„Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“

15.3.2018
Burgenland:Pannonien
In Kooperation mit dem Verein „Umdenken“, Frauenkirchen.

27.8.2018
Abendland:Morgenland
In Kooperation mit der werkstätte für kunst im leben, Müllendorf im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung “negnureik ramznerg“

1.10.2018
Europa:Afrika
in Eisenstadt im Rahmen der internationalen Konferenz „Die Verlagerung des Humanen – in eine weltoffene Region mit kosmopolitischer Zukunft“